Kindertagesstätten – Wofür? Teil I

spielende Kinder

„Kita-Türen bleiben dicht“
tagesschau.de

Dieser Artikel ist Teil einer fortlaufenden Serie.

Eine Nachricht, die heute zahlreiche Eltern vor ungemeine Probleme stellte: Wohin mit dem Nachwuchs? Wer soll sich um Sohn oder Tochter kümmern? Wer kann die Kinder betreuuen?

Für den modernen Affen stellt sich hier die Frage:

Warum muss überhaupt jemand ein Kind betreuuen?

Oder genauer: Warum muss unser Nachwuchs noch Jahre nach der Geburt umfangreich und langwierig gehegt und gepflegt werden?

Vergleicht man die vorgeburtliche Entwicklung von Menschen und den heutigen Menschenaffen lässt sich eine interessante Beobachtung machen: Wir werden in einem viel früheren Entwicklungsstadium geboren als andere Primaten.

Fossilien menschlicher Vorfahren und Primaten in kindlichen oder vorgeburtlichen Entwicklungsstadien sehen dem Menschen viel ähnlicher als ausgewachsene Vertreter dieser Spezies. Dies führt zu der Folgerung, dass der Mensch in seiner Entwicklung auf einem immer früheren Entwicklungsstadium geboren wurde als andere Tiere.

Evolutionäre Frühchen

Viele Einzelheiten unserer Physiologie weisen darauf hin: Unsere Schädelplatten – 8 Stück an der Zahl – verwachsen erst allmählich nach der Geburt zu einem harten Schädel. Unser Gehirn ist noch sehr klein und unterentwickelt, und auch unser Nervensystem ist nicht annähernd ausgebildet. Unsere Gliedmaßen bestehen aus Knorpel, der sich erst im Laufe der Zeit zu Knochen verdichten muss. Wir wachsen noch fast ein drittel unseres Lebens weiter; eine einmalige Seltsamkeit im Tierreich.

Wir verlagern aber nicht nur physiologische Teile der Entwicklung außerhalb des Mutterleibes. Unser Gehirn ist in den ersten Lebensjahren viel formbarer als das jedes anderen Lebewesens. Die Auseinandersetzung mit der Umwelt bietet uns in diesem Lebensstadium zahlreiche Anregungen und Erfahrungen, aus denen wir lernen können. Auch in dieser Hinsicht kommen wir viel weniger festverdrahtet zur Welt.

Die Tatsache, dass unser Verhalten viel weniger an unsere Gene gebunden ist, als bei anderen Tieren, macht uns anpassungsfähig und geistig flexibel. Wir können unser individuelles Verhalten an unserer Erfahrung ausrichten. Und wir bleiben ein Leben lang neugierig und schöpferisch.

Die Neotenie – die wissentschaftliche Bezeichnung für unsere physiologische Frühgeburt – sorgt dafür, dass wir ein ganzes Jahr zu früh auf die Welt kommen und ein Leben lang nicht nur lernen können, sondern darauf angewiesen sind. Deshalb muss sich jemand um unseren Nachwuchs kümmern, und ihm die Möglichkeiten geben, Erfahrungen zu machen, die sein Leben prägen werden. Deshalb verwenden wir so viele Ressourcen für ‚Brutpflege‘ und deshalb sollte es uns wichtig sein, wer unsere Kinder betreut.

Was das für den modernen Affen bedeutet?

Du bist ein lernendes Tier. Du bist darauf programmiert zu lernen. Dein angeborener Verhaltenskodex ist lächerlich klein im Vergleich zu dem anderer Lebewesen. Du kannst Dich nicht auf einfachen Richtlinien Deiner Instinkte ausruhen. Du musst lernen, Dich zu verhalten. Und das ein ganzes Leben lang. Sorry, wenn Dir das zu viel Arbeit ist. Aber das ist Dein Gencode. Da kommst Du nicht dran vorbei.

Sehr spannend erzählt hierzu Chip Walter in seinem Buch ‚Hand & Fuß: Wie die Evolution uns zum Menschen macht‚.

Was bedeutet lebenslanges Lernen für Euch?

Flickr Foto sourbrew

Teil 2 der Serie befasst sich mit den Folgen der physiologischen Frühgeburt auf die Bildung erster hominider Gesellschaften bis zur Sesshaftwerdung.
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8 Kommentare

Eingeordnet unter Kindertagesstätten, Serien, Wissenschaft

8 Antworten zu “Kindertagesstätten – Wofür? Teil I

  1. -jha-

    Analogieschlüsse werden auch dadurch nicht zulässiger, dass man sie aus der Biologie greift.
    Kängurus kommen als Embryo zur Welt und bringen Sie die Entwicklung schnell hinter sich.

    Anyway: Was hat das alles mit Kindertagesstätten zu tun? Das Posting verliert sich in einer völlig anderen Richtung, statt die Eingangsfrage zu beantworten.
    Oder war einfach nur der Titel nicht passend zum Posting?

    • modernape

      Hallo jha,

      auch wenn Du den Analogieschluss als unzulässige Form der Argumentation siehst, so ist er ein durchaus anerkanntes und wichtiges Mittel bei der Entwicklung wissenschaftlicher Hypothesen.
      Die Neotenie ist seit 1885 ein gültiger Begriff der Zoologie. Zunächst bei der Entwicklung von Amphibien genutzt, wurde er später auch als Bezeichnung für die Verjugendlichung, bzw. Beibehaltung von jugendlichen Merkmalen bei Tieren und Pflanzen allgemein verwendet.
      Beim Menschen setzten ab 1921 Emile Devaux und Loius Bolk diesen Begriff für die in diesem Beitrag dargestellten Eigenschaften ein. Auch heute ist die Neotenie ein wichtiger Bestandteil der Hominisationsforschung.

      Zu den KITAs: Kindertagesstätten sind Einrichtungen zur Kindertagesbetreuung. Die Richtung meines Artikels zielte auf die Frage, warum wir überhaupt Kinderbetreuung brauchen. Bräuchten wir diese nicht, bräuchten wir auch keine KITAs.

      Ich werde aber in einem weiteren Artikel die Entwicklung von unserer physiologischen Frühgeburt zu der modernen Kinderbetreuung betrachten.

  2. Martha

    hi,

    ich bin via Link zu Deinem Beitrag über KiTas gestolpert – und lese darin NIX von Kindertagesstätten und deren Sinn+Zweck?!

    Schade, es hätte mich sehr interessiert, wie Du den Bogen vom betreuungs’intensiven‘ Menschenjungen zur Betreuung ausser Haus spannst!

    • modernape

      Hallo Martha,

      Kritk angekommen: Ich werde in einem weiteren Artikel die Entwicklung von unserer physiologischen Frühgeburt zu der modernen Kinderbetreuung beleuchten.

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