Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Mordversuch mit Einkaufswagen – warum ich das Strafmaß für unangemessen halte – Teil 4

Gefängniszelle

„Die Strafe, die züchtigt ohne zu verhüten, heißt Rache.“
unbekannt

Den Fall der vier jungen Frauen, die Einkaufswagen und Feuerlöscher aus einem Hochhaus warfen, hatte ich euch schon vorletzte Woche vorgestellt. Mich haben sowohl Tat als auch Strafmaß irritiert. Deshalb habe ich eine Artikelserie hierzu gestartet:

  1. Der Sachstand
  2. Die Physik dahinter
  3. Gerechtigkeit und Recht

Die vorhergehenden Fragen haben die Sachlage aus verschiedenen Winkeln beleuchtet. Heute wird das Strafmaß genauer beleuchtet.

Sinn und Zweck von Strafen

Eine Haftstrafe greift massiv in die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen ein und schränkt das grundlegende Recht auf Selbstbestimmung ein. Ein Inhaftierter kann seine Angelegenheiten nicht frei und ohne Einmischung von anderen regeln.
Die von der Rechtsprechung verhängten Strafen müssen also gerechtfertigt sein und eine der folgenden Funktionen erfüllen:

  1. Kompensation durch Vergeltung
  2. Prävention durch Abschreckung
  3. Erziehung zum Zweck der Resozialisierung
  4. Durchsetzung sozialer oder politischer Zwecke

Die Strafe soll dann wiederum doch so etwas wie Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Die Täterinnen haben die festgelegten Regeln der Gesellschaft gebrochen. Dafür sollen sie bestraft werden.
Grundsätzlich geht man hier aber davon aus, dass der Täter aus freiem Willen handelt und sich möglicher Konsequenzen seiner Taten bewusst ist oder zumindest bewusst sein könnte.

Hier liegt das erste Problem: Aufgrund der psychologischen Gutachten, kann man davon ausgehen, dass den jungen Frauen die Konsequenzen ihrer Taten nicht bewusst waren. Schließlich wird dort von „geringer Reife und geistigen Defiziten“ gesprochen.

Dass sie etwas Verbotenes taten, war ihnen klar. Dass sie aber jemanden töten könnten, eher weniger. Dass man dafür ins Gefängnis gehen kann, sicherlich nicht.

Zweckmäßigkeit von Strafen

Die jungen Frauen haben das Leben der Feuerwehrleute und des Nachbarn in Gefahr gebracht. Die herabfallenden Einkaufswagen und Feuerlöscher hatten beim Aufprall genug Wucht, einen Menschen zu töten.

Der Gerechtigkeit halber steht den Gefährdeten also irgendeine Art von Wiedergutmachung zu. Ob die Haftstrafen von den Geschädigten als solche wahrgenommen werden, kann hier nicht entschieden werden. Hierzu müssten sich die Feuerwehrleute und der Nachbar äußern.

Die Täterinnen haben auch eindeutige Regeln der Gesellschaft gebrochen. Hier greifen die Gesetze des Rechtsstaates, so dass die jungen Frauen für diesen Regelbruch nach geltendem Recht bestraft werden.

Die jungen Frauen haben aus freiem Willen gehandelt. Eine von ihnen hat die anderen vor den Taten gewarnt und auf mögliche Gefahren hingewiesen. Dies hat das Gericht bei der Urteilsfindung mit berücksichtigt. Die Fähigkeit der Täterinnen die Konsequenzen ihrer Taten angemessen zu beurteilen darf allerdings aufgrund der Aussagen der psychologischen Gutachter angezweifelt werden.

Bleibt also die Frage, welchem Zweck die Urteile gedient haben könnten:

  • Kompensation durch Vergeltung

    Wie bei der Frage nach Gerechtigkeit müsste man auch hier die gefährdeten Personen befragen, ob sie meinen eine angemessene Kompensation erhalten zu haben.
    Bei einer Gefährdung von Leib und Leben ist es schwierig eine angemessene Vergeltungsform zu finden, wie uns alle Diskussionen z.B. zur Todesstrafe lehren können.

  • Prävention durch Abschreckung

    Der Abschreckungserfolg von Gefängnisstrafen als Präventivmaßnahme ist stark umstritten. Die Aussicht nach einer Handlung ‚in den Knast zu wandern‚ kann durchaus präventiv wirken, so dass ein potentieller Täter von der geplanten Tat Abstand nimmt. Die jungen Frauen hier waren sich dessen aber gar nicht erst bewusst. Abschreckend könnte das Urteil also auf die minderjährigen Angeklagten wirken, die keine Haftstrafen erhalten haben, und auf potentielle Nachahmer.

  • Erziehung zum Zweck der Resozialisierung

    Die Sozialstunden der Minderjährigen sind klassisch ein Mittel zur Resozialisierung. Inwieweit eine Haftstrafe resozialisierend wirkt, darf angezweifelt werden. Bekanntermaßen bedürfen die aus der Haft, also aus einer „totalen Institution“ Entlassenen meist einer Resozialisierung. Im Fall der jungen Frauen dürfte eine Haftstrafe sich auf eine weitere persönliche wie soziale Entwicklung eher negativ auswirken.

  • Durchsetzung sozialer oder politischer Zwecke

    Hier kann man natürlich mutmaßen, inwieweit die Richter ein Exempel statuieren bzw. ein Warnzeichen setzen wollten.

Verhältnismäßigkeit des Strafmaßes

Der moderne Mensch ist durch und durch ein Gesellschaftstier. Zahlreiche Regeln, die auf gesellschaftlichen Normen basieren, sichern unser Zusammenleben ab. Wie eine Übertretung dieser Regeln zu ahnden ist, ist auch immer eine Frage der Verhältnismäßigkeit.

Ob das verhängte Strafmaß irgendeinen positiven Nutzen für die schon am Rande der Gesellschaft lebenden jugendlichen Täterinnen haben wird, zweifle ich stark an.

Wenn vier junge Menschen die Konsequenzen einer Tat, wie dieser, nicht abschätzen können, dann wird ihnen eine mehrjährige Haftstrafe auch nicht dazu verhelfen, ihr Einschätzungsvermögen zu verbessern. Diese vier Frauen weisen schon ganz klar Probleme mit dem Umgang mit Normen der menschlichen Gesellschaft auf. Im Gefängnis werden sie höchstens die Normen der Parallelgesellschaft von Inhaftierten lernen.

Das ist nicht nur völlig kontraproduktiv im Hinblick auf die Entwicklung der Täterinnen. Das kostet die Gesellschaft zudem jede Menge Geld. Eine Fehlinvestition.

Was haltet ihr von dem Strafmaß? Haltet ihr es für gerecht oder angemessen?

Flickr Foto dierk schaefer
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Wird es in Deutschland eine Internetzensur geben?

Internetzensur

Das Thema Internetzensur wird so heiß beackert, wie schon lange nicht mehr. Die Familienministerin – vom Netzvolk ‚liebevoll‘ Zensursula genannt – hat ein heißes Wahlkampfthema gefunden. Die Netzjünger toben. Die seriöse Presse hat sowieso Angst vor dem Netz und macht einen auf, na halt seriös.

Wie man die Internetzensur umgehen kann – egal welcher Art – dazu gibt es auch seit langem haufenweise Artikel.

Wozu also der ganze Buhai? Was soll das ganze überhaupt bringen?

Neben den Problemen von Presse- und Meinungsfreiheit ist allein die technische Wirksamkeit solcher Methoden insgesamt bescheiden. Wenn man sich dann noch klar macht, dass die Internetzensur weder Kinderpornographie noch Rechtsradikalismus bekämpft sondern einfach nur wegblendet, stellt sich mir die Frage:

Was soll diese Internetzensur bringen? Welchen Sinn hat sie?

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Mordversuch mit Einkaufswagen – Recht – Teil 3

Justizia

„Gerechtigkeit ist die Nächstenliebe der Weisen.
Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), dt. Philosoph u. Mathematiker

Letzte Woche habe ich von einem Fall berichtet, bei dem vier junge Frauen teilweise zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, weil sie Einkaufswagen und Feuerlöscher aus dem achten Stockwerk eines Hochhauses herunterwarfen.

Wie immer drängten sich mir verschiedene Fragen auf. Zunächst wollte ich wissen, mit welcher Wucht – hier Impuls – die geworfenen Gegenstände unten aufkamen.

Da das Urteil sehr unterschiedlich aufgenommen wurde, stelle ich heute Fragen zur Gerechtigkeit und ihrem Verhältnis zum Recht.

Was ist Gerechtigkeit?

Um die Frage nach der Gerechtigkeit des Urteils anzugehen, sollten wir zunächst prüfen, was denn Gerechtigkeit ist. Laut philosophischer Enzyklopädie bezeichnet Gerechtigkeit „…einen Zustand des sozialen Miteinanders, in dem es einen angemessenen, unparteilichen und einfordbaren Ausgleich der Interessen und der Verteilung von Gütern und Chancen zwischen den beteiligten Personen und Gruppen gibt.“

Zu fragen wäre also, ob es zwischen den Interessen der jungen Frauen im Verhältnis zu denen der Feuerwehrleute oder des Nachbarn einen angemessenen, unparteilichen und einfordbaren Ausgleich gegeben hat.
Der Schutz der körperlichen Unversehrtheit gegen die Beschränkung von Personenrechten über einen festgelegten Zeitraum.

Kann man das so aufwiegen? Kann man die Gefährdung der körperlichen Unversehrtheit der Feuerwehrleute und des Nachbarn mit der Beschränkung der Personenrechte der jungen Frauen wieder gut machen? Fühlen sich die gefährdeten Personen dadurch besser? Ist ihnen Wiedergutmachung geschehen?

Die jungen Frauen haben den Feuerwehrleuten einen Präsentkorb überreicht und sich entschuldigt. Auch wenn die Feuerwehrleute dies als angemessen betrachtet und den jungen Frauen verziehen hätten, wären die Angeklagten nicht frei gesprochen.

Es ist nämlich nicht nur ein Aufwiegen der Interessen der Gefährdeten gegenüber denen der jungen Frauen, sondern auch der Interessen der Gesellschaft, in der die jungen Frauen leben. Womit wir einen Schritt von Gerechtigkeit zum Recht machen müssen.

Wie verhält sich das zum Recht?

Die Frage nach Gerechtigkeit ist zunächst eine ethische. Bei einer rechtlichen Betrachtung der Angelegenheit aber geht man grundlegend davon aus, dass die Normen einer Gesellschaft als verbindlich gelten. Es geht also nicht nur um einen Ausgleich der Interessen zwischen betroffenen Gruppen.

Es geht darum, ob eine der Regeln für den Umgang des Einzelnen mit anderen und für den Umgang mit der Gesellschaft gebrochen wurden. Diese Regeln sind die in unserer Gesellschaft bestehenden Gesetze.

Hier wird es einfacher: Ja, die jungen Frauen haben Gesetze unserer Gesellschaft gebrochen. Das ist nicht mehr so emotional behaftet, wie unsere Frage nach Gerechtigkeit. Es gibt Gesetzestexte, da kann man nachschlagen.
Was bleibt, ist die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Strafen.

Im weiteren Verlauf der Artikelserie stelle ich also noch zwei Fragen:

  1. Was ist der Sinn und Zweck von Strafen?

  2. Wie könnte man den Fall zusammenfassend beurteilen?

Von den Lesern der bisherigen Artikel kamen noch mehr Fragen, denen ich auch nachgehen möchte:

  1. Warum wird aus “schwierigen sozialen Verhältnissen” als Entschuldigung angebracht? – von ElliPirelli

  2. Welche Maßnahmen gibt es im Gefängnis, damit Inhaftierte sich positive weiterentwickeln können? – von Eilinger

Habt ihr noch weitere Fragen, die euch interessieren?

Flickr Foto prex79

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Mordversuch mit Einkaufswagen – Sachstand – Teil 1

Einkaufswagen

„Autorität wie Vertrauen werden durch nichts mehr erschüttert als durch das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden.“
Theodor Storm (1817-88), dt. Schriftsteller

Zwei junge Frauen wurden vom Landgericht Münster wegen versuchten Mordes zu dreieinhalb und drei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt. Zwei weitere – noch minderjährige – zu zwei Jahren Haft auf Bewährung bzw. 80 Sozialstunden.

Sofort prasselten die Fragen bei mir nur so ein.

Der Vorfall

Eine Mädchenclique aus Münster will sich ein wenig vergnügen. Der Tag ist langweilig, die vier Mädels wollen sich die Zeit vertreiben. Und kommen auf die tolle Idee ein paar Einkaufswagen aus dem achten Stock ihres Hochhauses zu werfen. Den gerade schwer unter Drogen stehenden Nachbarn verfehlen sie nur per Zufall.

Einige Tage später ist die Sache mit den Einkaufswagen nicht mehr ganz so spannend: Diesmal lösen die Mädels den Feueralarm aus und werfen Feuerlöscher auf die heraneilenden Feuerwehrleute, die sie vorher mit Löschschaum besprüht hatten. Das auch hier keiner getroffen wird, ist wieder eher Zufall.

Gutachter und Gericht

Gutachter des Gerichtes attestieren den jungen Frauen bzw. Mädchen eine geringe Reife und geistige Defizite. Sie seien nicht in der Lage gewesen, die Tragweite ihres Handelns zu erkennen gewesen. Sie selbst benennen als Tatmotiv, den Feuerwehrleuten einen Streich gespielt haben zu wollen.

Das Gericht begründet sein Urteil damit, die Angeklagten hätten zum Zeitvertreib mehrfach das Leben anderer riskiert und seien dabei heimtückisch vorgegangen. „Zu viel Freiraum, zu wenig Erziehung.“ war der Kommentar der Richter zu den Gründen für die Tat.

Familie und Nachbarn

Familie und Nachbarn sind über das Urteil entsetzt. Die jungen Frauen stammen allesamt aus „schwierigen sozialen Verhältnissen“. Im Gefängnis hätten sie – so die Begründung der Verteidigung – keine Chance sich positiv weiterzuentwickeln.

Soweit zum Sachstand. Dem modernen Affen stellen sich ein paar Fragen, die ich in den nächsten Tagen im Zusammenhang mit diesem Vorfall betrachten will.

  1. Mit wieviel Wucht schlugen die zwei geworfenen Einkaufswagen bzw. Feuerlöscher unten auf?

  2. Was ist Gerechtigkeit?

  3. Wie verhält sich das zum Recht?

  4. Was ist der Sinn und Zweck von Strafen?

  5. Wie könnte man den Fall zusammenfassend beurteilen?

Habt ihr noch weitere Fragen, die ich beleuchten könnte?

Flickr Foto imagenationVie

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Kindertagesstätten und die Familie, Teil III

Römische Familie

„Als Gott am sechsten Schöpfungstag alles ansah, was er gemacht hatte, war zwar alles gut, aber dafür war auch die Familie noch nicht da.
Kurt Tucholsky (1890-1935), dt. Schriftsteller

Denken wir an Kinderbetreuung, denken wir oft zunächst an die Familie. In unserem modernen Verständnis eine Gemeinschaft aus Menschen, die durch Herkunft oder Heirat miteinander verbunden sind. Konkreter die Kernfamilie: Mutter, Vater, Kinder.

In den ersten beiden Teilen der Serie zur Entwicklung der Kinderbetreuung im Laufe der Zeit habe ich den Bogen von den evolutionsbiologischen Veränderungen der Hominiden bis zur ersten Sesshaftigkeit gespannt.

Heute geht es um die Folgen der Sesshaftwerdung für die Veränderung der Gesellschaft, für die Bildung der Familien und damit auch für die Kinderbetreuung.

Urgesellschaft

Während Erziehung und Lernen zunächst dem Nachwuchs überlebensnotwendige Fähigkeiten zur Nahrungsbeschaffung vermitteln sollten, änderte sich dieser Anspruch mit der Sesshaftwerdung des Menschen grundlegend.

Die Urgesellschaft der Jäger und Sammler ist für uns als relativ egalitär zu betrachten. Die Gruppen schaffen und erhalten einen sozio-kulturellen Kontext und führen erste Formen der Arbeitsteilung ein. Da der Großteil der Ressourcen aller Gruppenmitglieder aber für die Nahrungssuche verwendet wird, kann eine wirkliche soziale Differenzierung nicht statt finden.

Sesshaftigkeit

Mit der Sesshaftwerdung des Menschen ändert sich die Situation schlagartig. Ackerbau und Viehzucht ermöglichen dem Menschen Nahrung anzusammeln und für ’schlechte Zeiten‘ zurückzulegen. Dieser Schritt führt über verschiedene Mechanismen zu relevantem Besitz, Besitzverteilung und Besitzunterschieden.

Die Arbeitsteilung erhält dadurch neue Möglichkeiten: Das erste Mal in der Geschichte der Menschheit ist es möglich, Personenkreise zu ernähren, die selbst keine Nahrung beschaffen. Verschiedene Berufe und Lebensstile entwickeln sich, die menschliche Gesellschaft erhält soziale Schichten. Die Zugehörigkeit zu diesen Schichten und die damit einhergehenden komplexen Beziehungsstrukturen müssen über weitere Gruppen definiert und Errungenschaften an Folgegenerationen weiter gegeben werden: die Familie als soziale Institution entsteht.

König, Bauer, Bettler

Mit der Ausbildung der sozialen Differenzierung erhält die Kindererziehung eine ganz neue Aufgabe: Kinder sollen gesellschaftsfähig werden. Überleben in der komplexen, sesshaften Welt bedeutet auch immer das soziale Überleben, das weit über die Nahrungsbeschaffung hinaus geht. Und genau das sollen die Sprösslinge meistern. Während die Eltern also ihren sozialen Verpflichtungen nachgehen, müssen die Kinder angemessen auf das Erwachsenleben vorbereitet werden.

Wie bei jeder anderen Arbeitsteilung geht es auch hier um Ressourcenmanagement. Würde jedes Elternteil seine Kinder selbst betreuuen, kämen die Eltern kaum zu irgendetwas anderem. Deshalb wird die Kinderbetreuung auch hier ‚outgesourced‚: An die Kinderfrau, die sowieso alle Kinder im Dorf betreut, an jüngere Geschwister, an gesondert dafür eingestellte Personen: Ammen, Kindermädchen, Lehrer.

Die Institution Familie? Die definiert zunächst den Hausstand: Frau, Kinder, Sklaven, Vieh, etc. Es ist eine Herrschaftsbezeichnung und das wird sie auch sehr lange bleiben.

Der Mensch ein Gesellschaftstier

Nicht nur hat aber der angemessen gebildete Mensch bessere Chancen sich in seiner Gesellschaft zu behaupten. Das System funktioniert auch in die andere Richtung. Wer den Nachwuchs nach seiner Vorstellung formen kann, hat einen großen Einfluss auf die gesellschaftliche Bildung.

Die Aufgabe der Erziehung wird neu definiert: gesellschaftliche Werte weitergeben. Gesellschaftlich prägende Institutionen werden seitdem die Kindererziehung als ihre Aufgabe betrachten: Staaten, Kirchen, Parteien.

Die Familie bleibt dabei bei ihren Funktionen: Sozialisierung, wirtschaftlicher Schutz und politische Verortung. Egal ob Antike, Mittelalter oder Frühneuzeit, ist sie eine Großfamilie und umfasst einen Verbund zahlreicher Mitglieder verschiedener Generationen ohne direkte Blutsverwandschaft vorauszusetzen.  Hierzu gehören auch Bedienstete, Gesinde, Ammen und Hauslehrer.

Die Betreuung von Kindern in dieser neuen Welt der sesshaften Menschen erhält eine ganz neue Dimension: Gesellschaftsfähigkeit. Die neue Gruppenform der Familie unterstützt dies: die Verortung des Kindes in komplexe soziale Strukturen.

Der moderne Affe

Die moderne Verortung der Kinderbetreuung in der Familie hat geschichtlich betrachtet einen großen Haken: Die moderne Familie hat mit der historischen kaum noch etwas zu tun.

Beim nächsten Mal kommen wir schließlich in der Neuzeit an: Die Wandlung der Familie und damit der Kinderbetreuung durch die Industrialisierung.

Kennt ihr noch wirkliche Großfamilien? Ist das Leben dort anders?

Flickr Foto von mharrsch.

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Kindertagesstätten – Woher? Teil II

Steinzeitfamilie

„Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer.“
Sokrates

Die Mühsal der Kindererziehung dürfte sich in den letzten 100.000 Jahren nicht groß geändert haben und auch Klein-Pebbles wird zuweilen eine ziemliche Nervensäge gewesen sein.
Sokrates‘ Zitat klingt auf ewig zeitgemäß. Kinderbetreuung ist zeitlich aufwändig, verbraucht sehr viele materielle Ressourcen und fordert uns auf ganzer Linie.

Im ersten Teil der Serie über Kinderbetreuung habe ich erläutert, warum überhaupt die grundlegende Notwendigkeit besteht, den menschlichen Nachwuchs zu betreuen und welche evolutionsbiologischen Entwicklungen dem zugrunde liegen.
Weiter geht es mit der Frage: Welche Auswirkungen hat die physiologische Frühgeburt über verschiedene soziale und kulturelle Entwicklungen auf die Kinderbetreuung?

Hilflose Würmchen

Jeder, der schon einmal ein Neugeborenes in den Armen gehalten hat, wird es bestätigen können: Völlig unselbständig kommen wir zur Welt. Halb blind, orientierungslos, nicht einmal unser überdimensioniertes Köpfchen können wir halten. Kurzum: Wir sind absolut hilflos.

Ein alleingelassenes menschliches Neugeborenes hat keine Überlebenschancen. Es muss in den ersten Wochen permanent, in den ersten Monaten ständig und in den weiteren Jahren mit viel Aufwand versorgt und betreut werden.

Eine Hominidenmutter, die eines oder mehrere dieser hilflosen Wesen versorgen und beschützen und gleichzeitig sich um ihr eigenes Leben kümmern musste, war mehr als ausgelastet. Wäre sie alleine geblieben, wären das Überleben von Mutter und Kind und damit irgendwann der Fortbestand der Spezies recht aussichtslos gewesen. Sie brauchte also einen verlässlichen Partner und ein funktionierendes soziales Netz. Die von den Großaffen verfolgten Strategien der Partnerwahl oder Gruppenbildung – wie die Vielweiberei der Gorillas oder die Polygamie der Schimpansen – waren hier nicht mehr ausreichend. Unter dem Selektionsdruck entstanden neue Formen des Zusammenlebens.

Auf diese Weise führte die Hilflosigkeit unseres neugeborenen Würmchens zu maßgeblichen Veränderungen der sozialen und sexuellen Gruppendynamik und hatte damit weitreichende Folgen für die Weiterentwicklung der Hominiden.

Jäger und Sammler

Können bestimmte Personengruppen zum Überleben notwendigen Tätigkeiten – wie z.B. Nahrungsbeschaffung – nicht oder im nicht ausreichenden Maße nachgehen, da ihre Ressourcen z.B. bei der Nachwuchspflege gebunden sind, so müssen andere Gruppenmitglieder diese Tätigkeiten für sie übernehmen.

So kommt es zur ersten Arbeitsteilung: Säugende und schwangere Frauen, Kinder, Kranke oder Alte sammeln pflanzliche Nahrung. Alle anderen Gruppenmitglieder gehen auf die Jagd nach Tieren. Da die Kinder zwangsläufig bei den Sammlern bleiben, werden sie auch hier betreut und erzogen. Dies ist die erste Institution der Kinderbetreuung.

Arbeitsteilung bewirkt immer auch neue Abhängigkeiten: Ein weiterer Beitrag zur Veränderung der sozialen Dynamik in den Hominidengruppen. Der moderne Mensch, der am Ende dieser Reise entstehen wird, wird damit ein durch und durch soziales Wesen.

Der geschickte Mensch

Während also die sozialen Strukturen im Laufe der Zeit immer komplexer werden, entwickeln die Hominiden (homo habilis und homo erectus) erste Formen von Kultur. Das Wekrzeugaufkommen steigt immens. Es entstehen neue Kommunikationsformen, Erklärungsmuster und Überlieferungen und damit weitere Spezialisierungen. All diese Errungenschaften, die sich nicht mehr über die Gene tradieren lassen, müssen in anderer Art an die folgenden Generationen weiter gegeben werden, denn schließlich hängt davon das Überleben der folgenden Generationen ab.

Die Betreuung von Kindern wird im weiteren Lauf der Geschichte mit immer steigernder Spezialisierung und Arbeitsteilung innerhalb der Gruppen immer mehr auch spezialisierten Kräften anvertraut. Spätestens mit der Sesshaftwerdung entsteht der Bedarf für Ammen, Kindermädchen und Lehrer. Das zugrunde liegende System ist immer das gleiche:

  • Kinder sind alleine kaum überlebensfähig und müssen betreut werden
  • Kinderbetreuung verbraucht viele Ressourcen
  • diese Ressourcen werden dringend für andere Tätigkeiten – wie z.B. die Nahrungsbeschaffung – benötigt
  • deshalb wird die Kinderbetreuung koordiniert und gebündelt
  • diese Spezialisierung setzt wiederum Ressourcen frei

Mit der Sesshaftwerdung und der damit einhergehenden Explosion der Arbeitsteilung kommt es zu einer weiteren einschneidenden Entwicklung: der sozialen Differenzierung. Erziehung und Lernen sollen dem Nachwuchs nicht nur zum Überleben verhelfen, sondern erhalten eine völlig neue Dimension.

Der moderne Affe

Der Anspruch des modernen Affen an heutige Kinderbetreuung geht weit über die Frage der Überlebensfähigkeit hinaus. Ganze Wissenschaften widmen sich der Erziehung und immer wieder wird diese auch zu einem politisch heißen Eisen.

In den nächsten Tagen will ich diese neuen Anforderungen an die Erziehung weiter verfolgen und den Weg von der Sesshaftigkeit bis zur Entwicklung der modernen Kindertagesstätte darlegen.

Warum wohl ist die Kinderbetreuung ein immerwährend heiß diskutiertes Thema?

Flickr Foto drscooby34

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