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Patrick Redmond: Der Musterknabe

Der Musterknabe

„Ein Page-Turner mit Gänsehaut-Effekt.“
Daily Mail

„Das Wunschspiel“ – Redmonds Roman über eine pathologische Freundschaft zweier Jungen in einem englischen Internat – hatte ich innerhalb von wenigen Tagen verschlungen und war anschließend absolut angetan: Gänsehaut, Spannung und eine fantastische Charakterstudie.

Auch „Den Musterknaben“ hatte ich recht schnell durchgelesen. Begeistert bin ich von diesem Buch allerdings nicht.

Der Roman schildert zunächst das Heranwachsen von Ronnie Sidney und Susan Ramsey. Die beiden wissen nichts voneinander. Was sie aber eint, sind die Demütigungen, der Hass und der Missbrauch, dem sie ausgesetzt sind.

Beide halten all dies nur durch ihre innere Stärke durch. Beide wachsen in einer Atmosphäre von Abscheu und Verzweiflung auf. Der Autor versteht es, die Schicksale der beiden langsam parallel zu entwickeln und auf das Zusammentreffen der beiden hin zu arbeiten.

Als die beiden sich das erste Mal treffen, erkennen sie in dem jeweils anderen einen Seelenverwandten: Einen Menschen, der versteht, was in ihnen vor geht. Einen Menschen dem sie sich anvertrauen können.

Die Geschehnisse spitzen sich zu: Die beiden schreiten aus Verzweiflung zu einer folgenschweren Tat. Obwohl ihr Verbrechen sie befreien und die gemeinsamen Geständnisse näher zusammenbringen sollten, stellt sich schließlich heraus, dass einer von den beiden ein viel dunkleres Geheimnis zu verbergen hat.

Soweit zum Inhalt, der zunächst Lust auf mehr machte. Das Buch scheitert aber leider an drei Stellen.

Das Tempo, mit dem das Heranwachsen der beiden erzählt wird, zieht sich ungemein. Zudem ist dieser Teil des Buches voll von Belanglosigkeiten, die alle aber so konstruiert sind, dass sie eine Vorahnung auf das noch Kommende geben sollen. Konstruktion ist Teil des literarischen Handwerks, irgendwann wirkt sie aber zu sehr nach Lego. Für einen guten Roman, reicht es nicht, den Werkzeugkasten und die Bausteine des erfolgreichen Vorgängers zu nehmen, alles ein bisschen zu schütteln und fertig ist der nächste Bestseller.

All das wäre zu verkraften, wenn sich dieser Teil des Romans nicht auf ca. 70% des gesamten Buches erstrecken würde. Irgendwann hat man genug über die grausame Kindheit der beiden Protagonisten gelesen und fragt sich, was denn nun die angekündigten, ach so furchtbaren Folgen sein sollen. Denn nichts an ihrer Kindheit lässt deren Zukunft vorausahnen.

Haben die beiden sich aber endlich getroffen, schlägt das Schicksal böse zu und sie schreiten zur Tat. Nachdem der Autor schon einen ‚deus ex machina‚ einsetzen muss, um das Verbrechen der beiden zu motivieren, zieht er noch ein weiteres Kaninchen aus dem Zauberhut: In einer Rückschau zeigt er endlich, was einer der Protagonisten in einer vorher ausgeblendeten Passage furchtbares angestellt hat, und nutzt das als pseudopsychologische Begründung für die Geschehnisse am Buchende.

Und auch hier wirkt alles fürchterlich konstruiert. Ja, sicher, alles das wäre möglich und lässt sich irgendwie nachvollziehen. Bloß: Handlungsmotivationen von Figuren lassen sich nur so weit psychologisch erklären. Entweder sind sie menschlicher, und damit auch insgesamt unvorhersehbarer oder aber in sich logischer und mit etwas weniger Effekthascherei.

Mein Fazit: „Das Wunschspiel“ war genial, der Nachfolger hier ist leider nur mittelmäßig.

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