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Unsere Füße: Wunder der Menschwerdung – Teil 1 – Der große Zeh

Zum gehen geboren

„Ich habe geweint, weil ich keine Schuhe hatte, bis ich einen traf, der keine Füße hatte.“
Giacomo Graf Leopardi, ital. Dichter

In meiner Serie zu den Vibram Five Fingers schwärme ich immer wieder von der Freude am Barfußgehen.

Was aber ist so besonders an unseren Füßen?

Wir halten unsere Füße für das Selbstverständlichste auf der Welt. Schließlich kommen wir mit zweien davon auf die Welt und treten meist mit zweien davon voran wieder ab.

Doch unser Gang – dieses Schwanken auf zwei seltsamen Stelzen – ist einmalig im Tierreich. Und der menschliche Fuß ist ein Wunder der Anatomie und Biomechanik. Er besteht aus 26 Knochen – das ist ein Viertel aller Knochen des menschlichen Körpers – und 33 Muskeln. Zahlreiche Tastrezeptoren – vor allem an der Fußsohle – machen ihn zu einem der empfindlichsten unserer Körperteile.

Zwei Merkmale machen den menschlichen Fuß so besonders: Der große Zeh (hallux magnus), auf den ich heute eingehen werde, und das Fußgewölbe, das ich nächste Woche betrachten will.

Hallux magnus

Unser großer Zeh ist im Verhältnis zu denen anderer Primaten verlängert und verschoben. Während der typische Affenfuß einer Affenhand ziemlich gleicht, sehen unsere Füße nicht nur anders als unsere Hände aus: Sie haben auch eine ganz andere Funktion.

Evolutionsgeschichtlich gesehen ist der Zeh der Hominiden irgendwann von der Außenseite des Fußes nach vorne gewandert. Vom abgespreizten Greifzeh der Affen zum gerade nach Vorne zeigenden Stützelement des aufrechten Ganges. Diese Wanderung führte dazu, dass sich unser Gangbild völlig veränderte.

Während Affen beim aufrechten Gang auf den Außenseiten ihrer Füße watscheln, verläuft die Belastungslinie des aufrechten hominiden Ganges von der Ferse über die Außenseite des Fußes, weiter quer über den Fußballen nach innen zum großen Zeh.

Wie wichtig der große Zeh für unser Gangbild ist, kann jeder ausprobieren. Versucht mal mit nach oben gezogenen Großzehen zu gehen. Was passiert? Die Stabilität ist futsch, wir wackeln und watscheln wie unsere Affenverwandten auf den Außenseiten der Füße herum. Das ist weder besonders effektiv noch besonders sicher.

Biomechanik

Der große Zeh verleiht unserem Gang nicht nur die elementare Stabilität. Da der Bewegungsaublauf des aufrechten Ganges biomechanisch am Großzeh endet, nimmt der Großzeh die ganze Energie der Bewegung von der Hüfte über das Bein und das Abrollen des Fußes auf und muss diese effektiv umlenken. Jedwede Beschleunigung in unserem Gang verdanken wir dem Abstoßen des großen Zehs vom Untergrund.

Auch alle anderen famosen Fähigkeiten der hominiden Fortbewegung wären ohne den Großzeh nicht möglich: Springen, Hüpfen, Ausweichen, Tippeln, Kriechen, etc. Tänzer und Balettstars verdanken ihre anmutigen Bewegungen allesamt dem großen Zeh.

Evolutionswunder

Die Entwicklung des großen Zehs hatte evolutionsbiologisch noch weitere, maßgebliche Folgen:

Die Hüfte des Menschen musste sich der neuen Gangart anpassen. Das wiederum führte zu einer Verengung des Geburtskanals und der Notwendigkeit der physiologischen Frühgeburt. Hierzu habe ich schon im Artikel über die modernen Kindertagesstätten geschrieben.

Bekanntermaßen wurden auch die Hände des aufrechten Menschen frei und konnten zum Tragen oder zur Werkzeugherstellung eingesetzt werden. Diese Fähigkeit war eine der Hauptttriebfedern für die gänderten Ernährungsmöglichkeiten der Hominiden und damit die immense Zunahme an Großhirnvolumen.

Der große Zeh stand also am Anfang der Geschehnisse, die unsere Vorfahren schneller und vor allem klüger gemacht haben. Er war wahrscheinlich der bedeutendste Auslöser der Menschwerdung.

Nächste Woche stelle ich euch das Fußgewölbe vor. Ein absolutes Belastungswunder.

Flickr Foto labellavida

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Mordversuch mit Einkaufswagen – Physik – Teil 2

Freier Fall

Die moderne Physik ist für die Physiker viel zu schwer.
David Hilbert (1862-1943), dt. Mathematiker

Letzten Dienstag habe ich von einem Vorfall berichtet, bei dem vier junge Frauen teilweise zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, weil sie Einkaufswagen und Feuerlöscher aus dem achten Stock eines Hochhauses geworfen hatten.

In einer vierteiligen Serie stellt der moderne Affe Fragen zu dieser Tat.

Mit wieviel Wucht schlugen die zwei geworfenen Einkaufswagen bzw. Feuerlöscher unten auf?

Das ist ein physikalisch bzw. mathematisch zu erörterndes Problem. Wir brauchen also ein paar Formeln und Berechnungen.

Die Falldauer

Als erstes müssen wir ermitteln, wie lange die Gegenstände für die Fallstrecke gebraucht haben. In unserem Fall haben wir eine Strecke von ca. 30 Metern.
Berechnung der Falldauer
Das ergibt in der Formel eine Falldauer von ca. 2,47 Sekunden.

Die Fallgeschwindigkeit

Als nächstes benötigen wir die Fallgeschwindigkeit der Gegenstände. Die erhalten wir, indem wir die Falldauer mit der Erdanziehungskraft multiplizieren.
Berechnung der FallgeschwindigkeitDie Einkaufswagen und Feuerlöscher sind demnach mit ca. 24 m/s heruntergerast.

Der Impuls

Jetzt wollen wir schließlich wissen, mit welcher Wucht die Gegenstände am Boden aufgekommen sind. Wir können mit Gewichten von ca. 10kg für je einen Einkaufswagen respektive ca. 6kg für je einen Feuerlöscher rechnen.
ImpulsberechnungDie Einkaufswagen hatten dann bei Aufprall am Boden ein Gewicht von fast einer halben Tonne. Etwa ein drittel des Gewichts eines neuen VW Golf.

Die Feuerlöscher schlugen mit 288kg zu: Etwa so viel, wie ein großes Klavier. Beides reicht, um Menschen zu töten.

Soweit zu dem, was sich hier berechnen lässt. Die spannenden Fragen nach Recht und Gerechtigkeit, die die Gemüter bewegen, lassen sich mit Zahlen alleine nicht beantworten. Hierfür wird der moderne Affe in den nächsten Tagen weitere Fragen aufwerfen.

  1. Was ist Gerechtigkeit?

  2. Wie verhält sich das zum Recht?

  3. Was ist der Sinn und Zweck von Strafen?

  4. Wie könnte man den Fall zusammenfassend beurteilen?

Habt ihr noch weitere Fragen, die ich beleuchten könnte?

Flickr Foto Rafael FerreiraFernandes

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Hormone klettern: Physiologie des Stress‘

Voller Einsatz

„Lieber fünf Minuten feige als für immer tot.“
Fritz Wöss

Das Glücksgefühl und das Erfolgserlebnis, die mir mein erster großer Abseilcache brachte, sind in Worten kaum zu fassen.

Ich war emotional so durch den Wind, dass ich spontan die tatsächliche Abseillänge von 35m auf doppelte 60m geschätzt habe. Ich hätte direkt nach dem Abseilen im Sechseck hüpfen und jeden um mich herum, inkl. Haustiere, knutschen können. Wahrscheinlich hätte ich in diesem Zustand so ziemlich fast alles an Beklopptheiten mitgemacht.

Mit gesundem Menschenverstand und realistischer Einschätzungsfähigkeit war da nicht viel.

Überleben

Der moderne Affe fragt sich: Wie kommt es zu diesen Gefühlen? Was passiert da physiologisch im Hintergrund?

Die hormonellen Prozesse, die in einer solchen Situation in unserem Körper ablaufen, sind sehr komplex. Der Anfang dieser Kette ist aber sowohl entwicklungsgeschichtlich wie auch physiologisch sehr einfach: Überleben.

Alle uns bekannten Lebewesen sind mit einem ganz grundlegenden Instinkt ausgestattet: dem Überlebensinstinkt. Die Umgebung eines jeden Organismus‘ verändert sich permanent und jedes organische System muss darauf reagieren können.

Homöostase

Ist das innere Gleichgewicht eines Organismus durch diese externen Veränderungen bedroht, so bemüht er sich nach allen Kräften die Balance durch Selbstregulierung (Homöostase) wieder herzustellen. Dieser Balanceakt läuft permanent im Hintergrund. Immer wieder werden Hormonspiegel und Botenstoffkonzentrationen der jeweiligen Lage angepasst. Wie bei einem fein getuneten Mechanismus wir ständig an kleinsten ‚Schräubchen‘ gedreht.

Stress und Schock

Droht das Gleichgewicht plötzlich stark beeinträchtigt zu werden, reagiert es mit Stress. Körperliche Auslöser (Stressoren) sind z.B. Unterzuckerung oder Auskühlung. Andere Bedrohungen (heranrasender Löwe) werden über die Sinnesorgane gemeldet. In einer solchen Lebensgefahr gibt es dann zwei Handlungsmöglichkeiten: Flucht oder Kampf.

Widerstand

Egal, was die Ursache ist, und egal, wie wir uns entscheiden, läuft ein jahrtausendealtes Programm ab: das sympathische Nervensystem legt los. Adrenalin, unser Turbohormon, wird ausgeschüttet. Leber, Muskeln und Fettgewebe reagieren sofort und stellen schnell verfügbare Energie in Form von Zucker oder Fettsäuren bereit. Herz und Atmung werden beschleunigt, und auch der Blutdruck steigt. Weitere Stresshormone werden ausgeschüttet, um diesen Zustand der Bereitschaft so lange wie notwendig aufrecht zu erhalten.

Physiologische Hintergründe

All diese Prozesse machen uns für Flucht oder Kampf bereit. Durch erhöhten Blutdruck und gesteigerte Herz- und Atemfrequenz werden unsere Muskeln mit mehr Sauerstoff versorgt. Gleichzeitig erhalten sie mehr Energie, die bei Bedarf mit dem Mehr an Sauerstoff verbrannt werden kann. Unsere Wahrnehmung wird geschärft: Wir sehen und hören besser. Zudem entspannen sich Verdauung und Immunsystem, um nicht unnötig Kraftreserven zu beanspruchen. Zu guter Letzt werden für den Fall der Fälle Endorphine – köpereigene Schmerzmittel – ausgeschüttet.

Volle Anspannung, ganz konkret

Ich stehe oben auf dem Viadukt. 35 Meter tief geht es runter. Meine Wahrnehmungsorgane registrieren, mein Gehirn verarbeitet. Entweder ich blase das jetzt ab (Flucht) oder ich seile mich da wirklich ab (Kampf). Ich will da runter!

Meine Pupillen werden weiter, ich fokusiere mich total auf den Sicherheitsteil. Ich fühle mich stärker und leistungsfähiger: Das Adreanalin flutet meinen Blutkreislauf. Ein letzer prüfender Blick auf die Ausrüstung und dann geht es runter: Mein Herz klopft schneller, mir wird warm. Ich denke an nichts anderes, nur an das Abseilen und die Dose. Ich entwickle ungeahnte Fähigkeiten, die Dose zu bergen. Die Kratzer an den Beinen werde ich erst viel später merken.

Den Drachen erschlagen

Als ich unten erfolgreich ankomme, bin ich noch völlig mit Endorphinen zugedröhnt. Wer schonmal auf Opiaten war, weiß wovon ich rede. Ich spüre keine Schmerzen, ich bin euphorisch: ein absolutes Hochgefühl. Zusätzlich steigt das Belohnungssystem meines Gehirnes ein: das war gut! mach das wieder! wenn Du das wiederholst, fühlst Du Dich wieder so gut!

Irgendwann sinkt der Hormonspiegel wieder. Die Energie ist verbrannt worden. Das Hochgefühl lässt nach. Ich fühle mich erschöpft und hungrig. Nur das Dopamin wirkt noch ein wenig nach…

Stresst euch!

Stress ist eine überlebenswichtige Reaktion unseres Körpers auf Gefahren. Und Stress kann schön sein. Wenn man die aufgestaute Energie verbraucht und den Kampf erfolgreich gemeistert hat.

Sucht euch ein Ziel, stellt Euch der Gefahr, verbrennt Energie und lasst Euch dann entspannt fallen…

Wann habt ihr das letzte mal erfolgreich einen Drachen erschlagen?

Flickr Foto OlinPhotographer

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Kalifornien brennt

Feuerwehrmann im Einsatz

30 000 fliehen vor den Flammen
focus.de

Tausende Menschen verlieren ihr Hab und Gut, werden obdachlos. Zahlreiche Einsatzkräfte kämpfen mit allen verfügbaren Mitteln gegen die Urgewalt. Ganze Landstriche werden vernichtet. Immer wieder kommen Menschen ums Leben.

Erstaunlicherweise trägt der Mensch nicht nur durch Klimakatastrophe und Fahrlässigkeit sondern zu diesen Bränden bei.

Klimawandel

Seit 1988 steigt die Zahl der schweren Waldbrände kontinuierlich. Bei der Suche nach möglichen Ursachen kommt man unweigerlich zunächst auf den Klimawandel. Die Erwärmung des Erdklimas führt zunächst an vielen Orten zu längeren und trockeneren Sommern. So auch an der Westküste der USA. Die gesamte Niederschlagsmenge sinkt hier und auch die Durchschnittstemperaturen steigen insgesamt. Die Böden und Wälder werden trockener und entzündlicher.

Moderne Forstwirtschaft

Bei der Gewinnung von Holz bleiben zunächst Äste, Baumspitzen und Restholz im Unterholz liegen und verwandeln sich mit der Zeit in perfektes Anzündholz. Bei den gefällten Bäumen handelt es sich meist um die stärksten und damit diejenigen, die im Falle eines Brandes am widerstandsfähigsten wären. Übrig bleibt das trockene Unterholz und die kleineren, leichter entflammbaren Bäume.

Retten, Löschen, Bergen, Schützen

Das Löschen ist die älteste Aufgabe der Feuerwehr. Zunächst mit Eimern, Leitern oder Einreißhaken bewaffnet versuchte sie der Feuersbrunst Herr zu werden. Mit immer besserer technischer Ausstattung – Wasserpumpen, Löschflugzeuge, etc. – stieg auch die Effizienz der Brandbekämpfung. Auf diese Weise konnte schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Fläche an verbranntem Land bei Waldbränden um 80% gesenkt werden.

Ab den 80er Jahren fing das Blatt an sich zu wenden: Es brachen immer mehr große Waldbrände aus, die von den Löschmannschaften nicht bewältigt werden konnten. Nur durch Regen und abfallenden Wind wurden die Brände gelöscht. Erst mit der Zeit wurde klar, dass die effiziente Waldbrandbekämpfung der vorherigen Jahrzehnte maßgeblich zu den neuen Riesenbränden beigetragen hatte.

Vom Blitz getroffen

Die meisten spontanen Waldbrände entstehen durch Blitzeinschläge. Aus Baumringdatierungen lässt sich schließen, dass ein solcher Brand vor der großräumigen, profesionellen Feuerbekämpfung unter natürlichen Bedingungen ca. alle 10 Jahre entfachte. Große, alte Bäume haben in den meisten Fällen eine außreichend dicke Rinde, um dem Feuer auf Stammhöhe zunächst standhalten zu können. Das trockene Unterholz und die jungen Bäume jedoch brennen ab. Da die Setzlinge nach den 10 Jahren vom letzten Brand noch nicht groß genug sind, kann ihr Feuer nicht auf die entzündlicheren Baumkronen des restlichen Baumbestandes überspringen. Der Brand verbleibt im Unterholz und auf den unteren Metern.

Die Mischung macht’s

Die großen, feuerresisteten Bäume fallen für die Holzgewinnung ab. Die Brandbekämpfung fördert die Ausbreitung des trockenen Unterholzes und leicht entflammbarer Setzlinge. Die Baumdichte steigt teilweise auf das Sechsfache, während der Bestand an feuerfester Baummasse sinkt. Zusätzlich frisst im Wald weidendes Vieh das ansonsten feuerdämpfende Gras.

Ein Funke im Stroh

Entsteht in einem solchen modernen Wald durch Blitz, Unachtsamkeit oder Brandstiftung ein Feuer, so hat es die besten Voraussetzungen sich unbeschränkt auszubreiten. Das dichte und trockene Unterholz geht auf wie Grillanzünder. Die Flammen greifen schnell auf den jungen Baumbestand über und vernichten diesen auch. Da diese jungen Bäume genug Zeit zum Wachsen hatten und es im Gegenzug kaum wirklich große Exemplare gibt, lodert das Feuer auch schnell in den Gipfeln der höchsten Bäume.

Ein unfassbares Inferno mit 100 Meter hohen Flammen und Temperaturen von über 1000°C führt zu einer Zerstörung, von der sich Flora und Fauna kaum erholen können. Die Folge sind oft Schlammlawinen und Massenerosion.

Der moderne Affe hat außerordentliche Möglichkeiten auf seine Umwelt einzuwirken und sie zu verändern. Seine Lebensspanne aber ist oft genug zu kurz, um die Folgen seiner Handlungen wirklich abschätzen zu können.

Mich würde interessieren, welche anderen bemerkenswerten Beispiele für diese Kurzsichtigkeit des Menschen euch einfallen?

Übrigens: Wenn ihr mal im ostfriesischen Landkreis Aurich seid, solltet ihr mal die Gemeinde Ihlow besuchen. Der dortige Ihlower Forst hat nicht nur schöne Caches zu bieten. Hier kann man auch sehen, wie ein der Natur überlassener Wald aussehen kann.

Buchempfehlung zum Thema: Jared Diamond, Kollaps: Warum Gesellschaften überleben oder untergehen.
Flickr Foto guidoitaliano

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Kindertagesstätten – Woher? Teil II

Steinzeitfamilie

„Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer.“
Sokrates

Die Mühsal der Kindererziehung dürfte sich in den letzten 100.000 Jahren nicht groß geändert haben und auch Klein-Pebbles wird zuweilen eine ziemliche Nervensäge gewesen sein.
Sokrates‘ Zitat klingt auf ewig zeitgemäß. Kinderbetreuung ist zeitlich aufwändig, verbraucht sehr viele materielle Ressourcen und fordert uns auf ganzer Linie.

Im ersten Teil der Serie über Kinderbetreuung habe ich erläutert, warum überhaupt die grundlegende Notwendigkeit besteht, den menschlichen Nachwuchs zu betreuen und welche evolutionsbiologischen Entwicklungen dem zugrunde liegen.
Weiter geht es mit der Frage: Welche Auswirkungen hat die physiologische Frühgeburt über verschiedene soziale und kulturelle Entwicklungen auf die Kinderbetreuung?

Hilflose Würmchen

Jeder, der schon einmal ein Neugeborenes in den Armen gehalten hat, wird es bestätigen können: Völlig unselbständig kommen wir zur Welt. Halb blind, orientierungslos, nicht einmal unser überdimensioniertes Köpfchen können wir halten. Kurzum: Wir sind absolut hilflos.

Ein alleingelassenes menschliches Neugeborenes hat keine Überlebenschancen. Es muss in den ersten Wochen permanent, in den ersten Monaten ständig und in den weiteren Jahren mit viel Aufwand versorgt und betreut werden.

Eine Hominidenmutter, die eines oder mehrere dieser hilflosen Wesen versorgen und beschützen und gleichzeitig sich um ihr eigenes Leben kümmern musste, war mehr als ausgelastet. Wäre sie alleine geblieben, wären das Überleben von Mutter und Kind und damit irgendwann der Fortbestand der Spezies recht aussichtslos gewesen. Sie brauchte also einen verlässlichen Partner und ein funktionierendes soziales Netz. Die von den Großaffen verfolgten Strategien der Partnerwahl oder Gruppenbildung – wie die Vielweiberei der Gorillas oder die Polygamie der Schimpansen – waren hier nicht mehr ausreichend. Unter dem Selektionsdruck entstanden neue Formen des Zusammenlebens.

Auf diese Weise führte die Hilflosigkeit unseres neugeborenen Würmchens zu maßgeblichen Veränderungen der sozialen und sexuellen Gruppendynamik und hatte damit weitreichende Folgen für die Weiterentwicklung der Hominiden.

Jäger und Sammler

Können bestimmte Personengruppen zum Überleben notwendigen Tätigkeiten – wie z.B. Nahrungsbeschaffung – nicht oder im nicht ausreichenden Maße nachgehen, da ihre Ressourcen z.B. bei der Nachwuchspflege gebunden sind, so müssen andere Gruppenmitglieder diese Tätigkeiten für sie übernehmen.

So kommt es zur ersten Arbeitsteilung: Säugende und schwangere Frauen, Kinder, Kranke oder Alte sammeln pflanzliche Nahrung. Alle anderen Gruppenmitglieder gehen auf die Jagd nach Tieren. Da die Kinder zwangsläufig bei den Sammlern bleiben, werden sie auch hier betreut und erzogen. Dies ist die erste Institution der Kinderbetreuung.

Arbeitsteilung bewirkt immer auch neue Abhängigkeiten: Ein weiterer Beitrag zur Veränderung der sozialen Dynamik in den Hominidengruppen. Der moderne Mensch, der am Ende dieser Reise entstehen wird, wird damit ein durch und durch soziales Wesen.

Der geschickte Mensch

Während also die sozialen Strukturen im Laufe der Zeit immer komplexer werden, entwickeln die Hominiden (homo habilis und homo erectus) erste Formen von Kultur. Das Wekrzeugaufkommen steigt immens. Es entstehen neue Kommunikationsformen, Erklärungsmuster und Überlieferungen und damit weitere Spezialisierungen. All diese Errungenschaften, die sich nicht mehr über die Gene tradieren lassen, müssen in anderer Art an die folgenden Generationen weiter gegeben werden, denn schließlich hängt davon das Überleben der folgenden Generationen ab.

Die Betreuung von Kindern wird im weiteren Lauf der Geschichte mit immer steigernder Spezialisierung und Arbeitsteilung innerhalb der Gruppen immer mehr auch spezialisierten Kräften anvertraut. Spätestens mit der Sesshaftwerdung entsteht der Bedarf für Ammen, Kindermädchen und Lehrer. Das zugrunde liegende System ist immer das gleiche:

  • Kinder sind alleine kaum überlebensfähig und müssen betreut werden
  • Kinderbetreuung verbraucht viele Ressourcen
  • diese Ressourcen werden dringend für andere Tätigkeiten – wie z.B. die Nahrungsbeschaffung – benötigt
  • deshalb wird die Kinderbetreuung koordiniert und gebündelt
  • diese Spezialisierung setzt wiederum Ressourcen frei

Mit der Sesshaftwerdung und der damit einhergehenden Explosion der Arbeitsteilung kommt es zu einer weiteren einschneidenden Entwicklung: der sozialen Differenzierung. Erziehung und Lernen sollen dem Nachwuchs nicht nur zum Überleben verhelfen, sondern erhalten eine völlig neue Dimension.

Der moderne Affe

Der Anspruch des modernen Affen an heutige Kinderbetreuung geht weit über die Frage der Überlebensfähigkeit hinaus. Ganze Wissenschaften widmen sich der Erziehung und immer wieder wird diese auch zu einem politisch heißen Eisen.

In den nächsten Tagen will ich diese neuen Anforderungen an die Erziehung weiter verfolgen und den Weg von der Sesshaftigkeit bis zur Entwicklung der modernen Kindertagesstätte darlegen.

Warum wohl ist die Kinderbetreuung ein immerwährend heiß diskutiertes Thema?

Flickr Foto drscooby34

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Kindertagesstätten – Wofür? Teil I

spielende Kinder

„Kita-Türen bleiben dicht“
tagesschau.de

Dieser Artikel ist Teil einer fortlaufenden Serie.

Eine Nachricht, die heute zahlreiche Eltern vor ungemeine Probleme stellte: Wohin mit dem Nachwuchs? Wer soll sich um Sohn oder Tochter kümmern? Wer kann die Kinder betreuuen?

Für den modernen Affen stellt sich hier die Frage:

Warum muss überhaupt jemand ein Kind betreuuen?

Oder genauer: Warum muss unser Nachwuchs noch Jahre nach der Geburt umfangreich und langwierig gehegt und gepflegt werden?

Vergleicht man die vorgeburtliche Entwicklung von Menschen und den heutigen Menschenaffen lässt sich eine interessante Beobachtung machen: Wir werden in einem viel früheren Entwicklungsstadium geboren als andere Primaten.

Fossilien menschlicher Vorfahren und Primaten in kindlichen oder vorgeburtlichen Entwicklungsstadien sehen dem Menschen viel ähnlicher als ausgewachsene Vertreter dieser Spezies. Dies führt zu der Folgerung, dass der Mensch in seiner Entwicklung auf einem immer früheren Entwicklungsstadium geboren wurde als andere Tiere.

Evolutionäre Frühchen

Viele Einzelheiten unserer Physiologie weisen darauf hin: Unsere Schädelplatten – 8 Stück an der Zahl – verwachsen erst allmählich nach der Geburt zu einem harten Schädel. Unser Gehirn ist noch sehr klein und unterentwickelt, und auch unser Nervensystem ist nicht annähernd ausgebildet. Unsere Gliedmaßen bestehen aus Knorpel, der sich erst im Laufe der Zeit zu Knochen verdichten muss. Wir wachsen noch fast ein drittel unseres Lebens weiter; eine einmalige Seltsamkeit im Tierreich.

Wir verlagern aber nicht nur physiologische Teile der Entwicklung außerhalb des Mutterleibes. Unser Gehirn ist in den ersten Lebensjahren viel formbarer als das jedes anderen Lebewesens. Die Auseinandersetzung mit der Umwelt bietet uns in diesem Lebensstadium zahlreiche Anregungen und Erfahrungen, aus denen wir lernen können. Auch in dieser Hinsicht kommen wir viel weniger festverdrahtet zur Welt.

Die Tatsache, dass unser Verhalten viel weniger an unsere Gene gebunden ist, als bei anderen Tieren, macht uns anpassungsfähig und geistig flexibel. Wir können unser individuelles Verhalten an unserer Erfahrung ausrichten. Und wir bleiben ein Leben lang neugierig und schöpferisch.

Die Neotenie – die wissentschaftliche Bezeichnung für unsere physiologische Frühgeburt – sorgt dafür, dass wir ein ganzes Jahr zu früh auf die Welt kommen und ein Leben lang nicht nur lernen können, sondern darauf angewiesen sind. Deshalb muss sich jemand um unseren Nachwuchs kümmern, und ihm die Möglichkeiten geben, Erfahrungen zu machen, die sein Leben prägen werden. Deshalb verwenden wir so viele Ressourcen für ‚Brutpflege‘ und deshalb sollte es uns wichtig sein, wer unsere Kinder betreut.

Was das für den modernen Affen bedeutet?

Du bist ein lernendes Tier. Du bist darauf programmiert zu lernen. Dein angeborener Verhaltenskodex ist lächerlich klein im Vergleich zu dem anderer Lebewesen. Du kannst Dich nicht auf einfachen Richtlinien Deiner Instinkte ausruhen. Du musst lernen, Dich zu verhalten. Und das ein ganzes Leben lang. Sorry, wenn Dir das zu viel Arbeit ist. Aber das ist Dein Gencode. Da kommst Du nicht dran vorbei.

Sehr spannend erzählt hierzu Chip Walter in seinem Buch ‚Hand & Fuß: Wie die Evolution uns zum Menschen macht‚.

Was bedeutet lebenslanges Lernen für Euch?

Flickr Foto sourbrew

Teil 2 der Serie befasst sich mit den Folgen der physiologischen Frühgeburt auf die Bildung erster hominider Gesellschaften bis zur Sesshaftwerdung.

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