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Unsere Füße: Wunder der Menschwerdung – Teil 1 – Der große Zeh

Zum gehen geboren

„Ich habe geweint, weil ich keine Schuhe hatte, bis ich einen traf, der keine Füße hatte.“
Giacomo Graf Leopardi, ital. Dichter

In meiner Serie zu den Vibram Five Fingers schwärme ich immer wieder von der Freude am Barfußgehen.

Was aber ist so besonders an unseren Füßen?

Wir halten unsere Füße für das Selbstverständlichste auf der Welt. Schließlich kommen wir mit zweien davon auf die Welt und treten meist mit zweien davon voran wieder ab.

Doch unser Gang – dieses Schwanken auf zwei seltsamen Stelzen – ist einmalig im Tierreich. Und der menschliche Fuß ist ein Wunder der Anatomie und Biomechanik. Er besteht aus 26 Knochen – das ist ein Viertel aller Knochen des menschlichen Körpers – und 33 Muskeln. Zahlreiche Tastrezeptoren – vor allem an der Fußsohle – machen ihn zu einem der empfindlichsten unserer Körperteile.

Zwei Merkmale machen den menschlichen Fuß so besonders: Der große Zeh (hallux magnus), auf den ich heute eingehen werde, und das Fußgewölbe, das ich nächste Woche betrachten will.

Hallux magnus

Unser großer Zeh ist im Verhältnis zu denen anderer Primaten verlängert und verschoben. Während der typische Affenfuß einer Affenhand ziemlich gleicht, sehen unsere Füße nicht nur anders als unsere Hände aus: Sie haben auch eine ganz andere Funktion.

Evolutionsgeschichtlich gesehen ist der Zeh der Hominiden irgendwann von der Außenseite des Fußes nach vorne gewandert. Vom abgespreizten Greifzeh der Affen zum gerade nach Vorne zeigenden Stützelement des aufrechten Ganges. Diese Wanderung führte dazu, dass sich unser Gangbild völlig veränderte.

Während Affen beim aufrechten Gang auf den Außenseiten ihrer Füße watscheln, verläuft die Belastungslinie des aufrechten hominiden Ganges von der Ferse über die Außenseite des Fußes, weiter quer über den Fußballen nach innen zum großen Zeh.

Wie wichtig der große Zeh für unser Gangbild ist, kann jeder ausprobieren. Versucht mal mit nach oben gezogenen Großzehen zu gehen. Was passiert? Die Stabilität ist futsch, wir wackeln und watscheln wie unsere Affenverwandten auf den Außenseiten der Füße herum. Das ist weder besonders effektiv noch besonders sicher.

Biomechanik

Der große Zeh verleiht unserem Gang nicht nur die elementare Stabilität. Da der Bewegungsaublauf des aufrechten Ganges biomechanisch am Großzeh endet, nimmt der Großzeh die ganze Energie der Bewegung von der Hüfte über das Bein und das Abrollen des Fußes auf und muss diese effektiv umlenken. Jedwede Beschleunigung in unserem Gang verdanken wir dem Abstoßen des großen Zehs vom Untergrund.

Auch alle anderen famosen Fähigkeiten der hominiden Fortbewegung wären ohne den Großzeh nicht möglich: Springen, Hüpfen, Ausweichen, Tippeln, Kriechen, etc. Tänzer und Balettstars verdanken ihre anmutigen Bewegungen allesamt dem großen Zeh.

Evolutionswunder

Die Entwicklung des großen Zehs hatte evolutionsbiologisch noch weitere, maßgebliche Folgen:

Die Hüfte des Menschen musste sich der neuen Gangart anpassen. Das wiederum führte zu einer Verengung des Geburtskanals und der Notwendigkeit der physiologischen Frühgeburt. Hierzu habe ich schon im Artikel über die modernen Kindertagesstätten geschrieben.

Bekanntermaßen wurden auch die Hände des aufrechten Menschen frei und konnten zum Tragen oder zur Werkzeugherstellung eingesetzt werden. Diese Fähigkeit war eine der Hauptttriebfedern für die gänderten Ernährungsmöglichkeiten der Hominiden und damit die immense Zunahme an Großhirnvolumen.

Der große Zeh stand also am Anfang der Geschehnisse, die unsere Vorfahren schneller und vor allem klüger gemacht haben. Er war wahrscheinlich der bedeutendste Auslöser der Menschwerdung.

Nächste Woche stelle ich euch das Fußgewölbe vor. Ein absolutes Belastungswunder.

Flickr Foto labellavida
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