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Kindertagesstätten und die Familie, Teil III

Römische Familie

„Als Gott am sechsten Schöpfungstag alles ansah, was er gemacht hatte, war zwar alles gut, aber dafür war auch die Familie noch nicht da.
Kurt Tucholsky (1890-1935), dt. Schriftsteller

Denken wir an Kinderbetreuung, denken wir oft zunächst an die Familie. In unserem modernen Verständnis eine Gemeinschaft aus Menschen, die durch Herkunft oder Heirat miteinander verbunden sind. Konkreter die Kernfamilie: Mutter, Vater, Kinder.

In den ersten beiden Teilen der Serie zur Entwicklung der Kinderbetreuung im Laufe der Zeit habe ich den Bogen von den evolutionsbiologischen Veränderungen der Hominiden bis zur ersten Sesshaftigkeit gespannt.

Heute geht es um die Folgen der Sesshaftwerdung für die Veränderung der Gesellschaft, für die Bildung der Familien und damit auch für die Kinderbetreuung.

Urgesellschaft

Während Erziehung und Lernen zunächst dem Nachwuchs überlebensnotwendige Fähigkeiten zur Nahrungsbeschaffung vermitteln sollten, änderte sich dieser Anspruch mit der Sesshaftwerdung des Menschen grundlegend.

Die Urgesellschaft der Jäger und Sammler ist für uns als relativ egalitär zu betrachten. Die Gruppen schaffen und erhalten einen sozio-kulturellen Kontext und führen erste Formen der Arbeitsteilung ein. Da der Großteil der Ressourcen aller Gruppenmitglieder aber für die Nahrungssuche verwendet wird, kann eine wirkliche soziale Differenzierung nicht statt finden.

Sesshaftigkeit

Mit der Sesshaftwerdung des Menschen ändert sich die Situation schlagartig. Ackerbau und Viehzucht ermöglichen dem Menschen Nahrung anzusammeln und für ’schlechte Zeiten‘ zurückzulegen. Dieser Schritt führt über verschiedene Mechanismen zu relevantem Besitz, Besitzverteilung und Besitzunterschieden.

Die Arbeitsteilung erhält dadurch neue Möglichkeiten: Das erste Mal in der Geschichte der Menschheit ist es möglich, Personenkreise zu ernähren, die selbst keine Nahrung beschaffen. Verschiedene Berufe und Lebensstile entwickeln sich, die menschliche Gesellschaft erhält soziale Schichten. Die Zugehörigkeit zu diesen Schichten und die damit einhergehenden komplexen Beziehungsstrukturen müssen über weitere Gruppen definiert und Errungenschaften an Folgegenerationen weiter gegeben werden: die Familie als soziale Institution entsteht.

König, Bauer, Bettler

Mit der Ausbildung der sozialen Differenzierung erhält die Kindererziehung eine ganz neue Aufgabe: Kinder sollen gesellschaftsfähig werden. Überleben in der komplexen, sesshaften Welt bedeutet auch immer das soziale Überleben, das weit über die Nahrungsbeschaffung hinaus geht. Und genau das sollen die Sprösslinge meistern. Während die Eltern also ihren sozialen Verpflichtungen nachgehen, müssen die Kinder angemessen auf das Erwachsenleben vorbereitet werden.

Wie bei jeder anderen Arbeitsteilung geht es auch hier um Ressourcenmanagement. Würde jedes Elternteil seine Kinder selbst betreuuen, kämen die Eltern kaum zu irgendetwas anderem. Deshalb wird die Kinderbetreuung auch hier ‚outgesourced‚: An die Kinderfrau, die sowieso alle Kinder im Dorf betreut, an jüngere Geschwister, an gesondert dafür eingestellte Personen: Ammen, Kindermädchen, Lehrer.

Die Institution Familie? Die definiert zunächst den Hausstand: Frau, Kinder, Sklaven, Vieh, etc. Es ist eine Herrschaftsbezeichnung und das wird sie auch sehr lange bleiben.

Der Mensch ein Gesellschaftstier

Nicht nur hat aber der angemessen gebildete Mensch bessere Chancen sich in seiner Gesellschaft zu behaupten. Das System funktioniert auch in die andere Richtung. Wer den Nachwuchs nach seiner Vorstellung formen kann, hat einen großen Einfluss auf die gesellschaftliche Bildung.

Die Aufgabe der Erziehung wird neu definiert: gesellschaftliche Werte weitergeben. Gesellschaftlich prägende Institutionen werden seitdem die Kindererziehung als ihre Aufgabe betrachten: Staaten, Kirchen, Parteien.

Die Familie bleibt dabei bei ihren Funktionen: Sozialisierung, wirtschaftlicher Schutz und politische Verortung. Egal ob Antike, Mittelalter oder Frühneuzeit, ist sie eine Großfamilie und umfasst einen Verbund zahlreicher Mitglieder verschiedener Generationen ohne direkte Blutsverwandschaft vorauszusetzen.  Hierzu gehören auch Bedienstete, Gesinde, Ammen und Hauslehrer.

Die Betreuung von Kindern in dieser neuen Welt der sesshaften Menschen erhält eine ganz neue Dimension: Gesellschaftsfähigkeit. Die neue Gruppenform der Familie unterstützt dies: die Verortung des Kindes in komplexe soziale Strukturen.

Der moderne Affe

Die moderne Verortung der Kinderbetreuung in der Familie hat geschichtlich betrachtet einen großen Haken: Die moderne Familie hat mit der historischen kaum noch etwas zu tun.

Beim nächsten Mal kommen wir schließlich in der Neuzeit an: Die Wandlung der Familie und damit der Kinderbetreuung durch die Industrialisierung.

Kennt ihr noch wirkliche Großfamilien? Ist das Leben dort anders?

Flickr Foto von mharrsch.
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