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Teneriffa – Kraxeln an der Lavaküste

Üppigkeit

Die Natur erschlägt mich. Palmen, die wildesten Sorten. Lavasand, schwarz und mehlig zwischen meinen Zehen. Alles ständig in voller Blüte. Ein Fruchtwechsel folgt dem anderen. Keine Jahreszeit gibt dem Wachstum etwas Pause. Ständiges Zeugen, Wachsen, Vergehen.

Allgegenwärtig sind Lavagestein und Eidechsen. Hier gibt es keine Mäuse oder kleinen Nager. Nur Eidechsen: in wirren Farben, Längen, Arten. Die Luft ist mild, die Sonne brennt. Es ist so hell, wie auf einem überbelichteten Foto.

Ich gehe mit den Five Fingers auf Erkundungstour. Die ganze Küste ist ein großer Lavaguss, ein Paradies für die Füße. Vom Hafen an entlang der Wassermarke kann ich Klettern und Kraxeln. Ein Schritt nach dem anderen, über die Kanten und Risse, hier ein Fuß gesetzt, da ein kleiner Griff. Eine völlig andere Sicht des überbrodelnden Urlaubsortes.

Krebse jagen davon, sobald mein Schatten auftaucht, Fische springen von einem Wasserloch zum nächsten, das die Brandung angeschwemmt hat. Das Wasserleben ist so dicht, ich beneide die Schnorchler.

Ich arbeite mich an der Küste entlang nach Westen. Der Hafen liegt hinter mir, die spielenden Kinder am Lavastrand. Der Touristenstrand ist schön aufgeräumt, der Strand der Einheimischen verspielter. Beachvolleyballtourniere unter Palmen, Spaziergänger in blühenden Gärten.

Der alte Teil der Stadt, verputzte Mauern, hell in der Atlantiksonne. Die Lavasteine werden immer heißer, barfuß Klettern ist kaum noch möglich. Ich lasse die FiveFingers an. Eine frische Brise vom Meer kühlt die Mittagshitze etwas ab. Überall auf den Felsen sitzen Angler. Eine seltsame Beschäftigung.

Immer wieder hat sich das Meer in die Stadt gefressen. Das Lavagestein schließt mit den Fundamenten der alten Häuser ab. Ich muss auf kleine Treppen, Galerien und Geländer ausweichen.

Das Stadtzentrum liegt hinter mir. Hinter dem Maritimhotel endlich der Blick auf mein Ziel: Playa de Los Roques. Der Strand der drei Felsen (Grande, Chico und La Patita). Drei Felsenkuppen reichen aus dem Wasser. Die Wellen haben hier einen Traumstrand gebildet. Ich krabble noch ein wenig weiter, zu meinem Aussichtspunkt. Hier kann man die ganze Bucht von oben sehen.

Ich muss noch meinen Cache finden. Irgendwo hier zwischen dem Staub der Steine und den Wolfsmilchgewächsen muss er sein. Nach einiger Suche werde ich fündig und kann nun die Aussicht genießen. Hoch über den Felsen lasse ich meine Füße ins Nichts baumeln und kann mich am Anblick des endlosen Atlantiks nicht satt sehen.

Auf dem Rückweg durch die Stadt spüre ich die Anfänge eines unglaublichen Muskelkaters in den Waden. Im Hotel komme ich kriechend an. Meine Beine können und wollen nicht mehr. Die Muskeln verweigern die Arbeit. Meinem Rücken aber, sonst Schmerzkandidad Nummer eins, geht es prächtig.

Roque Chico

Am nächsten Tag musste ich meine Beine dringend schonen und habe einen Pooltag eingelegt.

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Hormone klettern: Physiologie des Stress‘

Voller Einsatz

„Lieber fünf Minuten feige als für immer tot.“
Fritz Wöss

Das Glücksgefühl und das Erfolgserlebnis, die mir mein erster großer Abseilcache brachte, sind in Worten kaum zu fassen.

Ich war emotional so durch den Wind, dass ich spontan die tatsächliche Abseillänge von 35m auf doppelte 60m geschätzt habe. Ich hätte direkt nach dem Abseilen im Sechseck hüpfen und jeden um mich herum, inkl. Haustiere, knutschen können. Wahrscheinlich hätte ich in diesem Zustand so ziemlich fast alles an Beklopptheiten mitgemacht.

Mit gesundem Menschenverstand und realistischer Einschätzungsfähigkeit war da nicht viel.

Überleben

Der moderne Affe fragt sich: Wie kommt es zu diesen Gefühlen? Was passiert da physiologisch im Hintergrund?

Die hormonellen Prozesse, die in einer solchen Situation in unserem Körper ablaufen, sind sehr komplex. Der Anfang dieser Kette ist aber sowohl entwicklungsgeschichtlich wie auch physiologisch sehr einfach: Überleben.

Alle uns bekannten Lebewesen sind mit einem ganz grundlegenden Instinkt ausgestattet: dem Überlebensinstinkt. Die Umgebung eines jeden Organismus‘ verändert sich permanent und jedes organische System muss darauf reagieren können.

Homöostase

Ist das innere Gleichgewicht eines Organismus durch diese externen Veränderungen bedroht, so bemüht er sich nach allen Kräften die Balance durch Selbstregulierung (Homöostase) wieder herzustellen. Dieser Balanceakt läuft permanent im Hintergrund. Immer wieder werden Hormonspiegel und Botenstoffkonzentrationen der jeweiligen Lage angepasst. Wie bei einem fein getuneten Mechanismus wir ständig an kleinsten ‚Schräubchen‘ gedreht.

Stress und Schock

Droht das Gleichgewicht plötzlich stark beeinträchtigt zu werden, reagiert es mit Stress. Körperliche Auslöser (Stressoren) sind z.B. Unterzuckerung oder Auskühlung. Andere Bedrohungen (heranrasender Löwe) werden über die Sinnesorgane gemeldet. In einer solchen Lebensgefahr gibt es dann zwei Handlungsmöglichkeiten: Flucht oder Kampf.

Widerstand

Egal, was die Ursache ist, und egal, wie wir uns entscheiden, läuft ein jahrtausendealtes Programm ab: das sympathische Nervensystem legt los. Adrenalin, unser Turbohormon, wird ausgeschüttet. Leber, Muskeln und Fettgewebe reagieren sofort und stellen schnell verfügbare Energie in Form von Zucker oder Fettsäuren bereit. Herz und Atmung werden beschleunigt, und auch der Blutdruck steigt. Weitere Stresshormone werden ausgeschüttet, um diesen Zustand der Bereitschaft so lange wie notwendig aufrecht zu erhalten.

Physiologische Hintergründe

All diese Prozesse machen uns für Flucht oder Kampf bereit. Durch erhöhten Blutdruck und gesteigerte Herz- und Atemfrequenz werden unsere Muskeln mit mehr Sauerstoff versorgt. Gleichzeitig erhalten sie mehr Energie, die bei Bedarf mit dem Mehr an Sauerstoff verbrannt werden kann. Unsere Wahrnehmung wird geschärft: Wir sehen und hören besser. Zudem entspannen sich Verdauung und Immunsystem, um nicht unnötig Kraftreserven zu beanspruchen. Zu guter Letzt werden für den Fall der Fälle Endorphine – köpereigene Schmerzmittel – ausgeschüttet.

Volle Anspannung, ganz konkret

Ich stehe oben auf dem Viadukt. 35 Meter tief geht es runter. Meine Wahrnehmungsorgane registrieren, mein Gehirn verarbeitet. Entweder ich blase das jetzt ab (Flucht) oder ich seile mich da wirklich ab (Kampf). Ich will da runter!

Meine Pupillen werden weiter, ich fokusiere mich total auf den Sicherheitsteil. Ich fühle mich stärker und leistungsfähiger: Das Adreanalin flutet meinen Blutkreislauf. Ein letzer prüfender Blick auf die Ausrüstung und dann geht es runter: Mein Herz klopft schneller, mir wird warm. Ich denke an nichts anderes, nur an das Abseilen und die Dose. Ich entwickle ungeahnte Fähigkeiten, die Dose zu bergen. Die Kratzer an den Beinen werde ich erst viel später merken.

Den Drachen erschlagen

Als ich unten erfolgreich ankomme, bin ich noch völlig mit Endorphinen zugedröhnt. Wer schonmal auf Opiaten war, weiß wovon ich rede. Ich spüre keine Schmerzen, ich bin euphorisch: ein absolutes Hochgefühl. Zusätzlich steigt das Belohnungssystem meines Gehirnes ein: das war gut! mach das wieder! wenn Du das wiederholst, fühlst Du Dich wieder so gut!

Irgendwann sinkt der Hormonspiegel wieder. Die Energie ist verbrannt worden. Das Hochgefühl lässt nach. Ich fühle mich erschöpft und hungrig. Nur das Dopamin wirkt noch ein wenig nach…

Stresst euch!

Stress ist eine überlebenswichtige Reaktion unseres Körpers auf Gefahren. Und Stress kann schön sein. Wenn man die aufgestaute Energie verbraucht und den Kampf erfolgreich gemeistert hat.

Sucht euch ein Ziel, stellt Euch der Gefahr, verbrennt Energie und lasst Euch dann entspannt fallen…

Wann habt ihr das letzte mal erfolgreich einen Drachen erschlagen?

Flickr Foto OlinPhotographer

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60 Meter Adrenalin

Adrenalin

„Geht den Cache am besten nicht alleine an und macht nichts wozu ihr körperlich, geistig und ausrüstungstechnisch nicht in der Lage seid.“
Sir Loxley

Absolut geniale 60 Meter Adrenalin pur. Ein Cache, der die höchste Terrainwertung verdient hat und mit einem Erlebnis und Ausblick der Sonderklasse für die Mühen entlohnt: Dieser Cache gehört zu meinen all-time-favorites.

Korrektur (06.05.09): Wie ich heute erfahren habe, sind es wohl ’nur‘ 35 Meter. Der Größenwahn muss mich hier getrieben haben. Das Adrenalin hat aber für 60 ausgereicht 😉

Eine solche Herausforderung muss gut vorbereitet werden und bestimmte Sicherheitsregeln sollte man bei einem Cache mit Terrainwertung 5 beachten.

Klettere niemals alleine

Auch wenn Du der fitteste unter den Affen bist, kann immer etwas schief gehen: Du kannst Dich verletzen, Dich im Seil einklemmen, einen Materialfehler haben oder völlig ohne Deine Schuld in eine missliche Lage kommen. In einem solchen Fall kann Dein Partner zumindest Hilfe holen. Kletterst Du alleine, stirbst Du auch alleine.

Ich habe über das blaue Forum Andreas, Ralf und Kirsten kennengelernt und mich mit den dreien für einen Tag Abseilcachen verabredet.

Passe Deine Ausrüstung den Bedingungen an

Ein normaler Affe hat nur seinen Pelz und seine Arme. Du hast ein Großhirn: Überlege Dir vorher genau, wo, was und wie Du klettern willst. Dynamisches oder statisches Seil? Im Vorstieg, Toprope oder ’nur‘ Abseilen? Wanderstiefel, Turnschuhe oder Kletterschuh? Dichter Wald oder kahler Felsen? Granitblöcke oder brüchiger Schiefer?

Ich hatte meine alte Kletterausrüstung nochmal geprüft. Altes dynamisches Seil, für Toprope oder Abseilen noch gut genug; zum Vorstieg würde ich es wahrscheinlich nicht mehr einsetzen. Klemmkeile und Expressen konnten zu Hause bleiben. Im Nachhinein habe ich beschlossen, mir endlich einen Kletterhelm zu kaufen, bevor ich weitere Felsen bekraxle.

Mach Dich erstmal warm

Du bist gerade erst wach geworden und rennst direkt zum Vorstiegklettern? Fang klein an, sei etwas geduldiger. Dein Primatenleben wird es Dir danken. Bouldere ein wenig im Flachen. Nimm es mit einer schiefen Ebene auf. Prüfe, ob Du alle Techniken noch drauf hast.

Ich war schon seit ein paar Jahren nicht mehr Klettern. Daher habe ich mich mit Leuten zusammen getan, die aktuell mehr Erfahrung hatten. Bevor es überhaupt zum großen Abseilen ging, haben wir uns z.B. an 45° versucht. Danach war die Erinnerung im Kleinhirn und den Muskeln wieder zurück gekehrt.

Prüfe Deine Koordinaten

Weißt Du wirklich, wo es lang geht? Auch unsere Vorfahren haben ihre Jagdrouten gekannt und geplant. Schau Dir die Routenbeschreibung genauer an. Hast Du an alles gedacht? Gibt es Hinweise auf besondere Gefahren? Erfüllst Du alle Voraussetzungen?

Der große Abseilcache war ein Multi. Wir mussten erst die Eingangskoordinaten finden, was bei dem dichten Blätterwald nicht so einfach war. Auch auf das erste Hindernis in Form eines Bretterzaunes waren wir dank der Vorlogs vorbereitet. Und ja, wir haben uns das Spoilerbild angeschaut. Das erwies sich als sehr nützlich, denn der Cache war von oben nicht zu sehen.

Lern von den Jedis

Auch wenn Du Dir diese geniale Route für den heutigen Tag vorgenommen hast: Es ist keine Schande sie nicht zu gehen. Schau Dir sehr genau an, was vor Dir liegt. Vielleicht hast Du Dir das anders vorgestellt. Gehe in Dich und kläre ganz genau, ob Du körperlich und mental die Herausforderung meistern kannst. Mach es wie die Jedis und prüfe Deine Gefühle. Sie sind Dein evolutionsbiologischer Kompass. Verlass Dich auf sie.

Am oberen Viaduktgeländer angekommen sah das Ganze schon verdammt ernst aus. 60 Meter sind nicht ohne. Wer hier abstürzt…
Einer aus unserem Team, Andreas, war sich unsicher und beschloss dann nicht mit abzusteigen. Ein großes Lob, dazu zu stehen!

Geh auf 100%

Geh im Kopf nochmal genau durch, wie das Ganze ablaufen soll. Befestige das Seil, mach Deine Ausrüstung startklar. Prüfe alle Knoten und lass Deine Ausrüstung von Deinem Partner prüfen. Mach Dir nochmals klar, ob Du alles drauf hast, was die Tour von Dir fordert. Dies ist die letzte Gelegenheit um mit Würde zurückzutreten.

Wir hatten das gegenüberliegende Geländer als sinnvollen Punkt zur Seilbefestigung ausgemacht. Ralf machte das Seil über drei Geländerstreben mit doppeltem Achterknoten fest. Anschließend warfen wir das Seil über das eigentliche Einstiegsgeländer. Dort haben wir den Seillauf mit einem Karabiner und einer kleinen Prusikschlinge fest gemacht. Nachdem wir Ralfs Ausrüstung geprüft hatten, ging es für ihn als ersten los.

Genieß die Tour

Du hast an alle gedacht. Du bist hervorragend vorbereitet. Dann tu es auch. Geh Deine Route und genieße es aus vollen Zügen. Du hast es Dir verdient, dieses Erlebnis der Extraklasse.

Ich könnte jetzt viel erzählen: Wie sich 60 Meter wirklich anfühlen.Wie der Ausblick war. Wieviele Zuschauer ich hatte. Dass die Dose ekelig tief unter dem Viaduktbogen stand und ich kaum dran kam. Dass ich zwischendurch dachte, die Dose niemals loggen zu können.

Aber das sind nur Worte. Die haben wir erst sehr spät gelernt. Die wirklich tiefen Gefühle laufen viel weiter unten ab.

Der moderne Affe

Sich Herausforderungen stellen und sie zu meistern gehört zu den psychologisch wichtigsten Elementen der menschlichen Erfahrung. Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen werden überprüft und gestärkt. Die eigenen Grenzen getestet und neu gesetzt. Schließlich bilden wir – reflektiert an unseren Erfahrungen – unser Selbstbild neu und schaffen durch verändertes Verhalten auch ein neues Fremdbild.

So kann ich jetzt behaupten, nach diesem Cacheerlebnis ein neuer Mensch zu sein.Abhängen von Sir Loxley

Habt Ihr auch Cacheerlebnisse, die Euch verändert haben? Welche Caches stellten für euch eine echte Herausforderung?

In den nächsten Tagen werde ich mehr dazu schreiben, was bei einem solchen Erlebnis in unserem Körper passiert.
Nachtrag: zur Physiologie des Stress‘ hier entlang.

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