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Hormone klettern: Physiologie des Stress‘

Voller Einsatz

„Lieber fünf Minuten feige als für immer tot.“
Fritz Wöss

Das Glücksgefühl und das Erfolgserlebnis, die mir mein erster großer Abseilcache brachte, sind in Worten kaum zu fassen.

Ich war emotional so durch den Wind, dass ich spontan die tatsächliche Abseillänge von 35m auf doppelte 60m geschätzt habe. Ich hätte direkt nach dem Abseilen im Sechseck hüpfen und jeden um mich herum, inkl. Haustiere, knutschen können. Wahrscheinlich hätte ich in diesem Zustand so ziemlich fast alles an Beklopptheiten mitgemacht.

Mit gesundem Menschenverstand und realistischer Einschätzungsfähigkeit war da nicht viel.

Überleben

Der moderne Affe fragt sich: Wie kommt es zu diesen Gefühlen? Was passiert da physiologisch im Hintergrund?

Die hormonellen Prozesse, die in einer solchen Situation in unserem Körper ablaufen, sind sehr komplex. Der Anfang dieser Kette ist aber sowohl entwicklungsgeschichtlich wie auch physiologisch sehr einfach: Überleben.

Alle uns bekannten Lebewesen sind mit einem ganz grundlegenden Instinkt ausgestattet: dem Überlebensinstinkt. Die Umgebung eines jeden Organismus‘ verändert sich permanent und jedes organische System muss darauf reagieren können.

Homöostase

Ist das innere Gleichgewicht eines Organismus durch diese externen Veränderungen bedroht, so bemüht er sich nach allen Kräften die Balance durch Selbstregulierung (Homöostase) wieder herzustellen. Dieser Balanceakt läuft permanent im Hintergrund. Immer wieder werden Hormonspiegel und Botenstoffkonzentrationen der jeweiligen Lage angepasst. Wie bei einem fein getuneten Mechanismus wir ständig an kleinsten ‚Schräubchen‘ gedreht.

Stress und Schock

Droht das Gleichgewicht plötzlich stark beeinträchtigt zu werden, reagiert es mit Stress. Körperliche Auslöser (Stressoren) sind z.B. Unterzuckerung oder Auskühlung. Andere Bedrohungen (heranrasender Löwe) werden über die Sinnesorgane gemeldet. In einer solchen Lebensgefahr gibt es dann zwei Handlungsmöglichkeiten: Flucht oder Kampf.

Widerstand

Egal, was die Ursache ist, und egal, wie wir uns entscheiden, läuft ein jahrtausendealtes Programm ab: das sympathische Nervensystem legt los. Adrenalin, unser Turbohormon, wird ausgeschüttet. Leber, Muskeln und Fettgewebe reagieren sofort und stellen schnell verfügbare Energie in Form von Zucker oder Fettsäuren bereit. Herz und Atmung werden beschleunigt, und auch der Blutdruck steigt. Weitere Stresshormone werden ausgeschüttet, um diesen Zustand der Bereitschaft so lange wie notwendig aufrecht zu erhalten.

Physiologische Hintergründe

All diese Prozesse machen uns für Flucht oder Kampf bereit. Durch erhöhten Blutdruck und gesteigerte Herz- und Atemfrequenz werden unsere Muskeln mit mehr Sauerstoff versorgt. Gleichzeitig erhalten sie mehr Energie, die bei Bedarf mit dem Mehr an Sauerstoff verbrannt werden kann. Unsere Wahrnehmung wird geschärft: Wir sehen und hören besser. Zudem entspannen sich Verdauung und Immunsystem, um nicht unnötig Kraftreserven zu beanspruchen. Zu guter Letzt werden für den Fall der Fälle Endorphine – köpereigene Schmerzmittel – ausgeschüttet.

Volle Anspannung, ganz konkret

Ich stehe oben auf dem Viadukt. 35 Meter tief geht es runter. Meine Wahrnehmungsorgane registrieren, mein Gehirn verarbeitet. Entweder ich blase das jetzt ab (Flucht) oder ich seile mich da wirklich ab (Kampf). Ich will da runter!

Meine Pupillen werden weiter, ich fokusiere mich total auf den Sicherheitsteil. Ich fühle mich stärker und leistungsfähiger: Das Adreanalin flutet meinen Blutkreislauf. Ein letzer prüfender Blick auf die Ausrüstung und dann geht es runter: Mein Herz klopft schneller, mir wird warm. Ich denke an nichts anderes, nur an das Abseilen und die Dose. Ich entwickle ungeahnte Fähigkeiten, die Dose zu bergen. Die Kratzer an den Beinen werde ich erst viel später merken.

Den Drachen erschlagen

Als ich unten erfolgreich ankomme, bin ich noch völlig mit Endorphinen zugedröhnt. Wer schonmal auf Opiaten war, weiß wovon ich rede. Ich spüre keine Schmerzen, ich bin euphorisch: ein absolutes Hochgefühl. Zusätzlich steigt das Belohnungssystem meines Gehirnes ein: das war gut! mach das wieder! wenn Du das wiederholst, fühlst Du Dich wieder so gut!

Irgendwann sinkt der Hormonspiegel wieder. Die Energie ist verbrannt worden. Das Hochgefühl lässt nach. Ich fühle mich erschöpft und hungrig. Nur das Dopamin wirkt noch ein wenig nach…

Stresst euch!

Stress ist eine überlebenswichtige Reaktion unseres Körpers auf Gefahren. Und Stress kann schön sein. Wenn man die aufgestaute Energie verbraucht und den Kampf erfolgreich gemeistert hat.

Sucht euch ein Ziel, stellt Euch der Gefahr, verbrennt Energie und lasst Euch dann entspannt fallen…

Wann habt ihr das letzte mal erfolgreich einen Drachen erschlagen?

Flickr Foto OlinPhotographer

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